chi horsing ist kein Horsemanship!

Ich lehre kein Natural Horsemanship!

Wir alle haben unterschiedliche Ziele, Empfindungen, Erfahrungen, Entwicklungsstände und Wahrnehmungen. Jeder von uns sollte den zu ihm passenden Umgang mit Pferden finden dürfen, um damit glücklich zu sein.

Viele Leute, die zu mir kommen, denken oft, dass mein Pferdeumgang eine Form von Natural Horsemanship ist. Gerade deshalb ist es mir wichtig, an dieser Stelle die doch großen Unterschiede zu chi horsing anzusprechen:

Was die meisten Anbieter für Bodenarbeit mit dem Pferd unterrichten, nennt man heute Natural Horsemanship. Nachdem ich mich selbst lange damit auseinandergesetzt habe, habe ich für mich herausgefunden, dass diese Art von Pferdeumgang zwar effektiv ist, aber für mein Empfinden gegenüber dem Pferd alles andere als friedvoll.

Da ich mich seit meiner Jugend auch eingehend mit Pädagogik beschäftigt habe, möchte ich hier erklären, wie ich zu diesem Schluss gekommen bin:

Bei Natural Horsemanship wird sehr viel mit Dominanz, Unterordnung und dem Aufbauen mechanischer (künstlicher) Energien gearbeitet. In dieser Methode geht es hauptsächlich darum, dass der Mensch das Pferd bewegt und sich den Raum des Pferdes nimmt, um sich als ranghöher zu zeigen.

So wie es oberflächlich in einer Pferdeherde zu beobachten ist, wird dieses hierachische Verhalten von den Menschen dann einfach nachgeahmt. In einer Pferdeherde herrschen aber völlig andere Bedingungen: Pferde haben in ihrer   Kommunikation klare Spielregeln, deren Ehrenkodex niemals missbraucht oder gebrochen wird. Sie können sich wehren, sich frei in ihrer Körpersprache ausdrücken oder flüchten. Wird einem Pferd der Druck zu viel, bleibt es auf Distanz und ruht sich aus.

Somit findet unter diesen edlen Tieren ein offener und vor allem ehrlicher Austausch auf mehreren Ebenen statt. Für Pferde ist es selbstverständlich, zu weichen und sich unterzuordnen, wenn ein anderes Pferd sich durch seine “besseren” Fähigkeiten unter Beweis stellt. Das Maß an Sinneswahrnehmung, mentaler Kraft und an schnellerer Beweglichkeit entscheidet in einer Herde über die Ranghöhe.

Der Dialog zwischen den einzelnen Tieren findet auf einem weit höheren Niveau statt, als wir Menschen das ungeübt bieten können. Stehen wir Menschen vor einem Pferd, erkennt dieses sofort unser ganzes “Sein” oder “Nichtsein”. Wird das Pferd festgehalten und sofort trainiert, spürt es schnell, dass es sich in einem ungleichen und chancenlosen Monolog befindet. Es verliert Stück für Stück seine Würde.

Diese Tatsache veranlasste mich persönlich dazu, Natural Horsemanship - eine Vorgehensweise, bei der ich mir aus der Pferdesprache mögliche Machtmittel herausgreife und hauptsächlich mit Unterdrückungs- und Dominazdemonstrationen ein Pferd zu erziehen versuche - abzulehnen.

Auch wenn wir mit unseren Sinneswahrnehmungen und unserer körperlichen und geistigen Beweglichkeit einem Pferd erst einmal unterlegen erscheinen, ist es uns als intelligentem Menschen möglich, mit einer völlig anderen Herangehensweise die Pferde frei, fair und würdevoll zu erziehen. Letztendlich folgt uns ein Pferd auch aufgrund der Befriedigung seiner Grundbedürfnisse, und diese kann ich als Mensch auch auf friedlichem Weg erfüllen.

Lernen durch Schmerz

Gerne werden bei Pferden in der Bodenarbeit auch Knotenhalfter verwendet, die relativ stark sind und Knoten an den Nervenpunkten haben, also an Stellen, die den Pferden besonders wehtun können. So ein Halfter sieht zwar auf den ersten Blick ziemlich harmlos aus, weil es sich ja “nur” um ein leichtes Strickhalfter ohne Trense handelt. Dennoch ist die Wirkung gerade im Lernprozess schmerzhaft und erzeugt, anfangs noch gut sichtbar, immer Angst und Stress im Pferd.

Wenn ein Pferd beispielsweise auf einen Befehl mit der speziellen Gerte (ein fester Stock, an dem ein Seil hängt, mit dem man drohend schwingen kann) hin noch weiter zurückweicht als man es wollte, wird an dem Strick des Knotenhalfters gezogen. Die Knoten drücken auf die Nervenpunkte im Gesicht. In der Folge wird das Tier abwägen, welcher Schmerz der Schlimmere ist – der mögliche Schmerz, den der Stock mit dem schwingenden Seil auslöst oder auslösen könnte, oder der, der vom Strick am Knotenhalfter ausgeht. So bleibt dem Pferd nur die Wahl, sich für das kleinere Übel zu entscheiden.

Diese Übungen werden bei Natural Horsemanship solange wiederholt, bis das Pferd das Verhalten zeigt, das der Mensch erwartet.

Das ist Lernen durch Schmerz.

Auch das Treiben in einem Roundpen oder einem anderen kleinen Raum nimmt das Pferd als Jagen, also als Drohverhalten, wahr. Ein Pferd verliert in einem Roundpen die Orientierung. Da es keine Chance zur Flucht sieht und das Treiben länger andauert, unterwirft es sich dem Menschen komplett – angetrieben von Angst und seinem instinktivem Verhalten, Verbindung zu suchen und Energie zu sparen, um irgendwie überleben zu können.

Diese Art von Bodenarbeit macht Pferde gehorsam und brav und ist deshalb so beliebt. Denn ein gehorsames Pferd kann fast jeder Anfänger leicht “bedienen”.

Je mehr Konsequenz und Präzision man in die sich monoton wiederholenden Übungen investiert, umso mehr resigniert das Pferd.

Es wird “durchlässig”. Es wird auf jedes feinste Signal reagieren und es sind irgendwann auch keine mechanischen Hilfsmittel mehr nötig.

Vom Publikum und von Anhängern des Natural Horsemanships, die diese Zusammenhänge noch nicht erkannt haben, wird dieses Verhalten, das eher eine Freiheitsdressur ist, dann als Freiwilligkeit und echte Verbindung zwischen Mensch und Tier interpretiert.

Eine für beide Seiten lebensbejahende und wirklich ehrliche Verbindung setzt aber Achtsamkeit und Wissen über die eigene energetische Ausstrahlung voraus. Und am Seil hat ein Pferd in Natural Horsemanship keine Möglichkeit, darauf zu reagieren. Unterwürfigkeit ist der Wesenskern eines jeden Pferdes, sobald es keine Chance zur Flucht erkennt! 

Tieren erwünschtes Verhalten durch Schmerz beizubringen, ist bei anderen Tierarten zum Teil verboten worden. Ein Beispiel sind die früheren Tanzbären im Zirkus, die so lange zur Musik auf eine heiße Eisenplatte gestellt wurden, auf der sie dann vor Schmerz herumsprangen, um sich die Füße nicht zu verbrennen, bis die Musik als Reiz genügte, um sie „tanzen“ zu lassen. Dies klingt für uns vielleicht deshalb viel grausamer als das Schwingen einer Gerte oder das Treiben im Roundpen und erzeugt mehr Mitgefühl, da wir selbst den Schmerz einer heissen Platte besser kennen, als den Schmerz eines Fluchttieres, das keine Chance zu fliehen sieht. Würden wir beim Bären nicht wissen, wie ihm die Lektion beigebracht worden ist, würden wir sein Verhalten wahrscheinlich auch als freiwillig interpretieren. Was beim Training von Natural Horsemanship aus meiner Sicht auf der Strecke bleibt, sind Persönlickeit, Würde und Selbstbewusstsein des Pferdes.

Viele Menschen kamen bereits mit Horsemanship trainierten Pferden hilfesuchend zu mir. Einige Pferde, die nicht damit zurecht kamen, wurden lethargisch und trennten sich von ihrer energetischen Kommunikationsebene.

Andere Pferde kämpften mit ihren Besitzerinnen, weil diese friedliebenden Frauen nicht in der Lage waren, das im Horsemanship konsequent dominante und fordernde Verhalten auf Dauer auf ihr Pferd zu übertragen.

Die Anhänger von Natural Horsemanship selbst nehmen diese Methode vielleicht gar nicht als gewaltsam wahr, da sie sich selbst auch nur auf der sicht- und hörbaren Kommunikationsebene bewegen und es als “normal” empfinden. Somit handeln sie in allerbester Absicht.

Gerade Männer dürfen sich einem Pferd gegenüber eher dominant verhalten, weil das Pferd diese Energie als authentisch wahrnimmt und sofort akzeptiert. Aber Frauen setzen das dominante Verhalten meistens künstlich auf, um erfolgreich zu sein und mitzuhalten, was das Pferd sofort erkennt. Daher bekommen viele Frauen ohne diese innerliche Härte in diesem Umgang auf Dauer meistens Probleme. Immer mehr Frauen spüren heute ein Unbehagen, das sie nicht genau benennen können. Ein „Funken Bauchgefühl“ kommt vielleicht noch durch und signalisiert ihnen, dass etwas nicht in Ordnung ist.

Deshalb ist es mir so wichtig, hier klar meine Beobachtung und Erfahrung zu schildern.

Natural Horsemanship spiegelt für mich jene autoritären Erziehungsmethoden wider, die über Jahrhunderte auch bei der Kindererziehung üblich waren und vielleicht sogar bei uns selbst angewendet worden sind, um brave Kinder hervorzubringen.

Ich kann nur Jedem raten, sich mit der eigenen Erziehung und den neuen Erkenntnissen der Pädagogik auseinanderzusetzen. Als Kinder sind wir mit unseren Gefühlen oft nicht ernst genommen worden. Um angenommen zu werden, mussten wir uns von diesen starken Gefühlen trennen. So ist ein Teil unserer Identität verloren gegangen.

Noch heute werden Kinder in den öffentlichen Schulen nicht nach ihren individuellen Talenten gefördert, sondern gemeinsam nach vorgegebenen Lehrplänen und Leistungen in gut oder schlecht kategorisiert. Sie erleben dadurch täglich ihre eigene Unzulänglichkeit. Das häufige Verdrängen von emotionalem Schmerz führt dann zu einer wachsenden Abspaltung des eigenen verletzlichen Teiles. Schon in sehr frühem Alter verkümmert so unsere emotionale Intelligenz, aber auch unsere Empathiefähigkeit!

Um in unserer Leistungsgesellschaft mithalten zu können bzw. Erfolg zu haben, übergeht ein heranwachsender junger Mensch dann unbewusst immer mehr seine eigenen Gefühle. Wenn wir verlernen, unsere eigenen Gefühle zuzulassen und auszuleben, wie können wir dann erwarten, die Gefühle eines Pferdes sensibel wahrnehmen und achten zu können? Wer sich selbst nicht mehr spürt, der weiss auch nicht, wann er ein anderes Wesen nicht spürt. Nur deshalb handeln Menschen unbewusst gewaltvoll.

In meiner Schule wurden mir schon zwölfjährige „pferdeerfahrene” Kinder  vorgestellt, die wie selbstverständlich bei ihren Pferden so lange Druck und Gewalt angewendet haben, bis die Pferde gehorsam ihren Anweisungen gefolgt sind. Dahinter steckten niemals böse Absichten, sondern sie haben das angewendet, was sie im Laufe ihres jungen Lebens im Reitunterricht oder Zuhause gelernt haben.

Es ist verführerisch, der Verheissung des Marketing von gewaltfreiem Pferdeumgang und dem damit versprochenen “Funktionieren des Pferdes” zu folgen. Es verspricht etwas, was wir uns erträumen: Kontrolle und Macht zu haben über ein schönes und kraftvolles Wesen.

Ich spüre da einen riesigen Bedarf an Umkehr und Heilung bei uns Menschen, um aus der Spirale der Gewalt und Gegengewalt aussteigen zu lernen. Die Wichtigkeit von Achtsamkeit, Empathie, Selbstreflexion, Einfühlungsvermögen, Rückzug und Reduktion wird heute stärker von Autoren und Seminarleitern unterschiedlicher Strömungen betont. Ich denke, es braucht Zeit, bis wir schon seit der frühen Kindheit erlerntes Verhalten als destruktiv erkennen und umwandeln können.

Ich empfehle Ihnen zu diesem Thema das Buch von Arno Gruen: “Der Verrat am Selbst” .

Chi horsing als Weg aus der Gewalt

Chi horsing ist ein solcher möglicher Weg der Umkehr.

Die Würde des Pferdes zu bewahren und unsere eigene Würde wieder zu entdecken steht für mich im Mittelpunkt meiner Lehre.

Sie basiert stark auf der Reduktion des mechanischen Handelns und der Aktivierung des Geistes, ähnlich wie bei der Ausbildung eines Samurai Kämpfers.

Im Gegensatz zu den Anhängern von Natural Horsemanship, die das Pferd aktiv erziehen und formen wollen, um es gehorsam zu machen, nehme ich mich ganz zurück. Ich ändere stets meine Energie und Haltung und erziele damit sofortige Ergebnisse.

Ich gehe in die Welt des Pferdes und erlerne seine Sprache, anstatt von ihm zu verlangen, das gewünschte Verhalten auf meine menschlichen Signale hin zu erlernen.

Das Pferd ist bei mir von Anfang an frei und bekommt viel Raum, um selbst alles beobachten zu können. Ich warte ab, lasse das Tier agieren und biete ihm als Vorbild ein friedliches Führungskonzept an. Da dieses Konzept auf der Erfüllung seiner Grundbedürfnisse basiert, sucht jedes Pferd meist von Anfang an freiwillig meine Nähe und kann sich dabei angstfrei entwickeln. Es achtet mich mit größtem Respekt, da ich stets in seinem Sinne handle.

Dies ist keine einfache Aufgabe, aber für mich eine der schönsten und erfüllendsten Lebensaufgaben, die man sich auswählen kann. Man wird nicht nur mit Liebe und Hingabe eines Pferdes beschenkt, sondern kann eine Bereicherung in ganz vielen Aspekten des eigenen Lebens erfahren.

Und dahin möchte ich auch meine Schüler führen.

Das ist das Ziel von chi horsing.